Der gute Wille

Ich sitze im Intercity aus Dortmund Richtung Lübeck auf dem Weg in meine neue Wahlheimat Bremen.
Nachdem ich mein Fahrrad auf den reservierten Platz gestellt habe, suche ich mir einen Platz hinter einem Vierer. Wichtig: Ich brauche einen ausklappbaren Tisch, denn die Fahrt will ich zum Lernen nutzen.

Vor mir sitzen vier junge Leute, etwas älter als ich, und unterhalten sich angeregt. Es geht um Essen und Essgewohnheiten. Um Tierhaltung und Dorfleben.
Eine junge Frau mit braunem Bob und Brille sagt: “Ich komme ja aus einem Dorf in der Nähe von Aachen, fast vom Land. Meine Eltern haben sich tatsächlich Hühner gekauft. Kaum sind die Kinder aus dem Haus, brauchen die ein neues Projekt.” Sie erzählt, dass ihre Eltern ihr regelmäßig Fotos vom Federvieh schicken und eine richtige persönliche Bindung aufgebaut haben. “Wie meine Schwester mit ihrem Australian Shepherd!”, sagt der junge Mann ihr schräg gegenüber begeistert, “Die hat eine richtige Beziehung zu dem Tier!” Dass Huhn und Hund beides Tiere sind, die Charakter haben und ihren Menschen etwas bedeuten, verstehen alle vier.
Dass wir die Eier und das Fleisch der einen nehmen und der anderen nicht, daran denkt keiner.

Die junge Frau mit den langen, geflochtenen Haaren erinnert sich, wie sie in ihrem Nebenjob als Stromableserin in einen Schlachthof musste und erschrocken war. Damit habe sie nicht gerechnet, dass da auf einmal so ein halbes Schwein hängt. Der einzige Mann in der Runde berichtet, wie er in einem Auslandaustausch bei einer Familie gelebt hat, die selbst Schweine gehalten und auch geschlachtet haben. Mit dem Gedanken an die fröhlich spielenden Schweine habe er beschlossen: Erstmal kein Schweinefleisch mehr.
Er schluckt schwer. “Ja,” erzählt die ihr gegenüber, “Das Gefühl kenne ich. In meinem Frankreichaustausch wurde mir auch Schinken angeboten – lecker war der! Als mir die Gasteltern dann stolz erzählt haben, dass das ihre eigenen Kühe sind… Das war schwer für mich. Irgendwie hatte ich dann auch keinen Appetit mehr.” Ich bin überrascht, die Gruppe so sensibel für das Thema ist und so reflektiert wirkt. Vegetarier ist aber keiner von ihnen.
“Das könnte ich einfach nicht. Dafür esse ich weniger Fleisch und dafür besseres. Da schmeckt man den Unterschied.” “Ja,” pflichtet der junge Mann bei, “Das stimmt. Wenn die Schweine richtig viel Platz haben und nicht erst transportiert werden müssen. Ich finde auch, dass das Qualitativ einen Unterschied macht. Ich kenne einen Hof, da werden die Schweine richtig gut gehalten. Die bekommen sogar Musik vorgespielt!”
Das sagt der gleiche Mensch, der ein paar Minuten zuvor kein Schweinefleisch mehr essen wollte, weil die Schweine so lieb miteinander spielen und so niedliche Tiere sind. Den Konflikt sieht er in diesem Moment nicht.

“Bei uns im Ort gibt es so eine Aktion bei der man mit vielen Leuten eine Kuh kauft und die wird dann für einen geschlachtet, wenn der Schlachtpreis gesammelt ist”, erzählt die mit dem Bob. Ich kenne das Konzept und finde zwar den nachhaltigen Gedanken – nur so viel, wie wir brauchen – gut, störe mich aber auch daran.
Brauchen wir Fleisch? Nur für den Genuss. Und den Genuss können wir auch ohne Nachteile aus andern Lebensmitteln ziehen. Dafür muss keiner sterben.

“Ich finde, dass generell nur Leute Fleisch essen sollten, die selbst ein Tier töten können.” Auf diese Worte der jungen Frau mit Bob und Brille ist es erstmal kurz still. “Vegetarisch ist ja auch gar nicht viel teurer als Fleisch zu essen. Oder Vegan”, sagt der junge Mann nachdenklich. Und dann etwas sicherer: “Linsen zum Beispiel sind super günstig. Ich hab vor ein paar Jahren mal an einem Kurs teilgenommen in dem wir ärmere Menschen beraten haben, wie man auch ohne viel Geld gesund einkaufen kann.
Es muss nicht immer Fleisch sein, man kann sich ja auch Falafeln machen. Oder Reis und Kartoffeln. Und da fehlt einem auch nichts bei.” Stimmt! Man kann sich ohne körperliche Defizite sehr gut und auch günstig pflanzlich ernähren. Ohne Tierleid.
Das Gespräch kippt in Richtung Haustiere. Es werden Videos von den kleinen Babys der Katze einer der Gesprächsteilnehmer gezeigt. Die Hühner von den Eltern der einen. Es wird gelacht und die Babykatzen kommentiert: “Wie niedlich!!” Die vier finden Katzen niedlich, Hühner lustig, den Australian Shepherd der Schwester super und die Kühe aus dem Stall der Nachbarin toll und so treu. Aber trotzdem essen sie die einen und streicheln die anderen. Ich seufze leise, lehne mich in meinem Sitz zurück und schau aus dem Fenster. Der Gedanke ist da, die Intention ist gut. Aber auch, wenn Kant das vielleicht anders sagt – nicht nur der gute Wille zählt, auch die Handlung, die daraus folgt, ist wichtig.

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Bilder aus Osten, op. 66, Nr. 4

Eins, zwei, drei, vier:
Hände auf den schwarz-weißen Tasten,
Schläge in jedem Takt,
Schritte, die ich die Musik noch klar und deutlich hören kann,
nachdem ich den Raum verlassen habe.

Eins, zwei, drei Gedanken, die mir im Kopf herumgehen
1. Warum sieht es so einfach aus, wenn sie so schwer ist?
(In dieser Frage geht es nicht um ihr Gewicht.)
2. Weshalb glauben wir immer, dass alles so schwer ist?
3. Weshalb spielst du nicht mehr Klavier?

Eins, zwei:
sehr hässliche braune Stühle vor dem Instrument
sehr liebevolle Blicke, die ihr euch zuwerft

Eins.
Die Welt ist nicht schwarz weiß wie Klaviertasten.
Und wenn ihr so spielt, bin ich mir nicht mal bei denen so sicher.

The Wind Is Calling Me South

Quiet
it is in my mind
when
memories appear like
freckles
on your skin in summer.
Dots
coloured like rusty train rails in evening sun.

I listen to white noise instead of music
the sounds your
fingertips
make on the piano
you’ve got your headphones plucked in

– – – – – – – –

The wind is calling me south
my heart longing
my head crying
for it cannot follow

I regret
but never you.

29. September 2016

And I almost can’t remember
all these many days gone by;
Still I always find me wonder
why these moments never stay.

Time is running, hours chasing
one another every day,
clocks are ticking and I’m making
still no effort just to say:

That I need you
and I want to
really
spend more time with you.

That I miss you
and I hope you
yes
I hope you think so, too.